Einladender Raum der Stille im
Johanniterstift
Am 7.7. wurde die
neugestaltete "Lukaskapelle" im Johanniterstift Flittard eingeweiht.
Jetzt gibt es endlich einen Raum der Stille, der einlädt, innerlich
zur Ruhe zu kommen, zu beten, zu meditieren, innerlich aufgerichtet zu
werden.
)
Der helle, gebogene
Vorhang deutet einen "Chorraum" an.
Davor steht der
Altar mit der Bibel aus der Lukaskirche.
Zentraler Blickfang hinter dem Altar ist das Gemälde von Wolfgang
Vorländer, das zur stillen Besinnung einlädt.
Das
große Kreuz aus der Lukaskirche als
Zeichen der Gegenwart Christi und Ort des
Abladens steht links vom Altar auf einem hellen runden Teppich.
Auf der anderen Seite zwischen den Kerzenstän dern
aus der Lukaskirche befindet sich eine Klangschale, in der Kärtchen
mit den Namen der Verstorbenen aus dem Stift liegen.
Gleich neben dem Eingang gibt es ein Pult mit Bibel, Evangelischem
Gesangbuch und Gotteslob, sowie einem "Buch für Ihre Gebete", in das
persönliche Gebete geschrieben werden können.

Das Gesamtkonzept wurde erarbeitet von Wolfgang Vorländer (Pfarrer und
Künstler), Tim Geikowski (Leiter der Sozialen
Dienste
im Stift), Hans-Dietrich von Zanthier (Kuratorium) und Gerold
Vorländer (Pfarrer).
Der Taufstein mit der inzwischen 100 Jahre alten Taufschale aus
dem früheren "Betsaal" Flittard befindet sich weiterhin im Hauptflur
neben dem Eingang zur Cafeteria, wird aber auch weiterhin gelegentlich
für Taufen benutzt, zuletzt bei der Open Air-Konfirmation am
Pfingstsonntag.
Die Lukaskapelle ist ganztägig geöffnet und in jedem Fall einen Besuch
wert.
(g.v.)
100 Jahre Evangelisch in Flittard und
Stammheim
(von Hans-Dietrich von Zanthier)
Eigentlich sollte der Titel „100 Jahre Evangelisch in Flittard“
heißen, doch daraus ist eine kleine Historie der Protestanten in
Flittard und Stammheim geworden. Dazu am Schluss noch eine Bemerkung.
Über
100 Jahre nach den 95 Thesen Martins Luthers in Wittenberg wird ab
Mitte des 17. Jahrhunderts von Calvinisten in Flittard und Stammheim
berichtet, also Anhängern des Reformators Johannes Calvin. Eine solche
Anhängerin war z. B. die Frau des letzten Namenträgers derer von und
zu Stammheim. Dies war damals durchaus für einzelne Personen eine
Provokation. So wurde schließlich ihr reformierter Katechismus von
einem damaligen katholischen Amtsträger höchstpersönlich verbrannt.
Vom 17.
bis zum 19. Jahrhundert traten Protestanten in Flittard und Stammheim
nur vereinzelt auf, aber es gab sie. Damals mussten die Anhänger des
protestantischen Glaubens aus Flittard und Stammheim zum Gottesdienst
nach Köln-Mülheim. Dort hatte sich bereits im Jahre 1610 eine
evangelische Gemeinde gegründet – übrigens die allererste auf Kölner
Boden.
Zu
Beginn des 20. Jahrhunderts gab es immer mehr Protestanten in Flittard
und Stammheim. Als schließlich die Marke von 100 Protestanten
überschritten wurde, dachten die evangelischen Bürger in Flittard und
Stammheim über einen eigenen Versammlungsort nach. Im benachbarten
Leverkusen entschloss sich sodann der damalige Geheimrat Carl
Duisberg, den evangelischen Christen in Flittard und Stammheim mit
einer Schenkung zu helfen. So konnte in der Paulinenhofstraße 30 ein
Grundstück erworben werden. Darauf wurde ein Gebäude mit einem
Versammlungsaal errichtet. Vor 100 Jahren, am 11. Juni 1911, wurde
dieser Saal als neue Außenstelle der Ev. Kirchengemeinde Mülheim am
Rhein eingeweiht. Die Ev. Kirchengemeinde Wiesdorf schenkte eine
Taufschale, die heute im Flur hier im Johanniter-Stift steht. Der
Versammlungssaal in der Paulinenhofstraße wurde bekannt unter den
Namen „Betsaal“.
Im 2.
Weltkrieg hat das Gebäude an der Paulinenhofstraße stark gelitten.
Ehrenamtliche Mitarbeiter der Gemeinde beseitigten diese Schäden noch
während der Nachkriegszeit eigenhändig. Schon während des 2.
Weltkrieges stieg die Zahl der evangelischen Christen in Flittard und
Stammheim, insbesondere durch erste Flüchtlinge, auf über 1.000
Personen an. Bis 1947 halfen Pfarrer aus Mülheim für Gottesdienste und
Amtshandlungen in Flittard aus. Ein evangelischer Gottesdienst wurde
in der Regel alle zwei Wochen angeboten. Dann kam im September 1947
mit Pfarrer Schultze der 1. Pfarrer, der nur für Flittard und
Stammheim zuständig war. Innerhalb der Gemeinde Mülheim wurde ein
eigener Pfarrbezirk für Flittard und Stammheim gegründet. Ab 1951
führte Pfarrer Schultze monatlich evangelische Gottesdienste im
damaligen Altenheim von Bayer, dem Ulrich-Haberland-Haus in Stammheim,
ein. Eine Fortsetzung dieser Tradition sind heute u. a. die
monatlichen ev. Wochengottesdienste mit Pfr. Vorländer hier im
Johanniter-Stift.
Im
Februar 1956 ging Pfr. Schultze in Ruhestand. Sein Nachfolger war
Pfarrer Saenger . Mit dem Bau von Wohnsiedlungen der Bayerwerke in
Flittard seit Anfang der 50er Jahre wuchs die Zahl der Protestanten
sprunghaft an. 1957 zählte man bereits 3.500 evangelische Christen.
Aus dem Pfarrbezirk wird die eigenständige Ev. Kirchengemeinde
Köln-Flittard/Stammheim gegründet. Der Bau eines neuen
Gemeindezentrums wird immer dringender. Eine große Spendenaktion lief
an. Dann kamen die Bayerwerke zu Hilfe. Sie verkauften der Gemeinde
das Grundstück zwischen der Roggendorfstraße und der Semmelweisstraße,
spendeten Geld für einen Kirchenneubau und kauften schließlich der
Gemeinde zu einem fairen Preis das Gebäude an der Paulinenhofstraße 30
ab. So konnte die Lukaskirche mit Gemeindezentrum und Nebengebäude
überwiegend mit eigenen Finanzmitteln errichtet werden. Am 01.06.1959
war Spatentisch für die Lukaskirche. Bereits am 4. Adventsonntag, dem
20. Dezember 1959, wurde das neue Gotteshaus vom damaligen Präses der
rheinischen Landeskirche Prof. Beckmann eingeweiht. Die Lukaskirche
war in verdächtiger Rekordzeit errichtet worden. Der 1.
Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Theodor Heuss,
schenkte der hiesigen Gemeinde unmittelbar vor Beendigung seiner
Amtszeit eine Lutherbibel mit Widmung. Heute liegt sie auf dem
Altartisch hier im Hause.
Im
Sommer 1961 beendet Pfr. Saenger seinen Dienst in der Gemeinde. Nach
ca. zwei Jahren Vakanz wird im Jahr 1963 Pfr. Ernst Beysiegel in der
Lukaskirche zum Pfarrer für Flittard und Stammheim ordiniert. Und die
Zahl der Gemeindeglieder steigt und steigt. Im Jahre 1966 zählt die
Ev. Kirchengemeinde Köln-Flittard/Stammheim bereits 7.000 Mitglieder.
Dies
führte zur Bildung einer 2. Pfarrstelle, für die Pfr. Wolfgang Bauder
gewonnen wurde. Er kümmerte sich zunächst um die Gemeindemitglieder in
Stammheim und den Bau eines Gemeindezentrums in Stammheim. Nach der
Fertigstellung des – derzeit noch stehenden –
Dietrich-Bonhoeffer-Hauses im Jahre 1968 wurde die Gemeinde
Flittard/Stammheim 1969 in zwei selbstständige Gemeinden geteilt.
In der
Lukaskirche spielte sich in den Folgejahren ein pulsierendes
Gemeindeleben ab, das weit über die Grenzen Kölns hinauswirkte. Das
Gebäude wurde so manchem zur zweiten Heimat. Jugendliche der Gemeinde
entschieden sich immer wieder, auch beruflich im christlichen Bereich
tätig zu sein. So wurden einige von ihnen Missionare und haben sich
auf fast alle Erdteile verstreut. Andere wurden selber Pfarrer und
arbeiten heute in der näheren, wie weiteren Umgebung.
Das
Jahr 1973 markiert einen dramatischen Einschnitt: Bei einer
Segelfreizeit der Gemeinde in Holland sinkt ein Boot mit vier Personen
an Bord. Der jüngste Jugendliche kann von der Besatzung eines
Frachtschiffes gerettet werden, die anderen Drei ertrinken. Dabei
handelt es sich um einen weiteren Jugendlichen, einen Familienvater
(erfahrener Segler und ehrenamtliche Mitarbeiter aus der Gemeinde)
sowie um Pfr. Beysiegel (ebenfalls ein erfahrener Segler). Nach diesem
schrecklichen Unglück war die Pfarrstelle in Flittard zunächst vakant,
bis im Jahr 1975 der damalige Gemeindereferent von Stammheim, Reinhard
Albrecht, mit seiner Pastorenausbildung fertig war und die Pfarrstelle
in Flittard übernahm.
In
Stammheim ging 1991, vor 20 Jahren, Pfr. Bauder in den Ruhestand und
Pfr. Gerold Vorländer wurde sein Nachfolger. Und jetzt sind wir schon
fast in der Gegenwart angelangt. Vor 7 Jahren – 2004 – ging Pfr.
Albrecht in den Ruhestand. Durch den Bevölkerungsrückgang nimmt auch
die Zahl der evangelischen Christen immer weiter ab – und das bedeutet
sinkende Kirchensteuereinnahmen, die zwei selbstständige Pfarrstellen
und zwei Gemeindezentren nicht mehr erlauben. So wurden die beiden
Pfarrstellen zusammengelegt und die zwei Gemeinden fusionierten zur
Ev. Brückenschlag-Gemeinde Köln-Flittard/Stammheim. Nur 35
Jahre nach der Trennung in zwei Gemeinden sind die Protestanten in
Flittard und Stammheim seit dem wieder in einer Gemeinde vereint.
Die Ev.
Brückenschlag-Gemeinde Köln-Flittard/Stammheim beschloss das Gelände
an der Roggendorfstraße zu verkaufen und den Verkaufserlös für den Bau
eines zukunftsweisenden neuen Gemeindezentrums in Stammheim zu
verwenden. Am 11. Januar 2009 wurde in der Lukaskirche der letzte
Gottesdienst gefeiert, der mit ihrer Entwidmung endete. Nun stehen wir
an derselben Stelle hier im Johanniter-Stift Köln-Flittard.
Erlauben Sie noch eine kleine Schlussbemerkung. Bei der Beschäftigung
mit der lokalen Kirchengeschichte wurde mir deutlich: Eine
Betrachtungsweise nur auf Flittard oder nur auf Stammheim ist
kirchengeschichtlich nicht möglich. So hilft die Historie die
Gegebenheiten der Gegenwart zu verstehen. Dies gilt für evangelische
wie für katholische Christen gleichermaßen.
Zum
Schluss gilt meinen besonderen Dank Frau Marianne Assenmacher und Frau
Erika Standt, die im Rahmen der Entwidmung der Lukaskirche über viele
Monate hinweg in mühsamer Kleinarbeit sehr viel Material und Dokumente
über die Geschichte der Protestanten in Flittard und Stammheim
gesammelt haben, welche ich nun
für meine Ausführungen verwenden konnte. |